Der User: Für die Smartphone Hersteller nur Melkvieh? [Kommentar]

Veröffentlicht am 18. August 2014 von Torsten Dünnwald in Allgemein

Die schöne, bunte Smartphone-Welt ist toll. Es gibt laufend neue Modelle, und die Geräte werden
immer schneller und schneller. Doch halt, wo ist der Haken?

Der liegt zweifelsfrei bei nahezu allen Herstellern beim Software-Support. Die Motivation, diesen
Artikel zu schreiben, liegt am persönlichen Frust bei meinem (nun ehemaligen) Huawei Ascend G615.
Tolle Hardware, gutes Preis-Leistungsverhältnis, SD-Kartenslot und wechselbarer Akku. Eigentlich das
perfekte Gerät, wäre da nicht die Software und die lieblose Produktpflege seitens Huawei. Das Gerät
erschien mit einem schon bei Release deutlich veralteten Android 4.0.4, ein Update auf 4.1.x war
jedoch mit dem Erscheinungstermin „in Kürze“ angekündigt. Immerhin kam das Update tatsächlich.

Andere Hersteller canceln gern auch mal zugesagte Updates, teils mit fadenscheinigen
Begründungen, z.B. so wie Samsung mit dem Galaxy S3, auf dem Kitkat angeblich aufgrund des „nur“
1GB großen Arbeitsspeichers gar nicht zufriedenstellend laufen würde. Deswegen wirft man lieber
ein Galaxy S3 Neo mit identischer Hardware (einzige Änderung: 1,5GB RAM) auf den Markt. Natürlich
mit Kitkat.

Komisch nur, dass auf meinem gebraucht gekauften S3 Kitkat (natürlich das aktuelle Android 4.4.4)
butterweich läuft (danke an das Team von Cyanogenmod!)…

Das wirft zusätzlich allerdings die Frage auf, warum jeder Smartphonehersteller meint, den eigenen
Kunden mit einer angepassten Oberfläche (HTC Sense, Samsung Touchwiz, Huawei EmotionUI)
beglücken zu müssen, die das System teilweise sogar langsamer macht. Die Mehrheit der User
interessiert sich für eine angepasste Oberfläche sowieso nicht. Vielmehr bedeutet diese einen
zusätzlichen Testaufwand und somit Mehrkosten, die Updates verzögern oder gänzlich verhindern.

Zurück zum G615: Das Update auf 4.1.2 erschien tatsächlich, allerdings erst nach mehreren
Verschiebungen. Zudem enthielt es einen ärgerlichen Fehler, der eine vernünftige Verwendung des
GPS unmöglich machte. Huawei sah sich noch nicht einmal genötigt, diesen (schwerwiegenden!)
Fehler zu beheben. Die Community (danke, Batty86!) musste den Karren wieder aus dem Dreck
ziehen, und zwar mit einem inoffiziellen Bugfix. Später kam noch ein Update auf 4.2.2, welches
weitestgehend fehlerfrei (außer der zu geringen Grundlautstärke, die sich mit Rootrechten erhöhen
lässt) lief. Bezüglich Kitkat habe ich mir und Huawei die Frage gestellt, warum das auf dem gleichen
SoC basierende Ascend P6 (HiSilicon K3V2 / Vivante GC4000) ein Kitkat-Update erhält, Käufer des
G615 allerdings in die Röhre schauen. Die Frage konnte man mir bei Huawei nicht beantworten…

BTW: Wir sprechen beim G615 von einem Smartphone, welches noch nicht einmal 1,5 Jahre auf dem
Markt ist und einen Kaufpreis von ca. 250 EUR hatte!

Viele Anwender werden sich fragen, warum man denn immer der neuesten Android-Version
hinterherlaufen muss. Selbst die alte Version „läuft doch gut“. Das Problem an der ganzen Sache ist,
dass Google Sicherheitslücken nur in der aktuellen Android-Version schließt. Als Beispiel sei der
schwerwiegende Fehler CVE-2014-0224 in OpenSSL zu erwähnen (nicht zu verwechseln mit
Heartbleed), der nur in Android 4.4.4 gefixt wurde. Der eigene Windows-PC wird doch auch laufend
gepatcht, deswegen erschließt sich mir nicht, warum man Sicherheitslücken auf einem Smartphone
(auf dem oft sensiblere Daten als auf einem PC liegen!) akzeptieren sollte.

Es ist natürlich klar, dass jedes Update für die Smartphonehersteller Zusatzkosten bedeutet und
somit den Gewinn schmälert. Dennoch sehe ich die Hersteller in der Pflicht, dafür zu sorgen, dass die
Geräte zumindest für zwei Jahre nach Vorstellung mit Updates versorgt werden. Das ist der
Hersteller meiner Meinung nach seinen Kunden einfach schuldig! Aktuell ist es ja in Mode, die Käufer
mit den Sicherheitslücken im Regen stehenzulassen. Fairerweise muss man allerdings auch sagen,
dass in einigen Fällen die Hersteller (und auch die Community) nichts machen können, da die
Chiphersteller (z.B. Mediatek) den Quellcode für die Treiber nicht freigeben. Das könnte aber der
verantwortungsvolle Smartphonehersteller steuern („Keine Sources, kein Deal!“).

Was bleibt? Die Erkenntnis, bei Smartphone-Neuanschaffungen nicht nur auf „höher, schneller,
weiter“ zu achten, sondern auch auf Dinge, die die Nachhaltigkeit betreffen:

  • Treiber / Cyanogenmod-Updates für das Gerät verfügbar?
  • Speicher über SD-Kartenslot erweiterbar?
  • Akku wechselbar?
  • Wieviele Smartphonemodelle hat der Hersteller zu betreuen? Je mehr, desto schlechter!

Deswegen fallen die Nexus-Geräte und Phones wie das Moto G leider raus.

Der Punkt „Nachhaltigkeit“ wird zunehmend wichtiger, da im Smartphonebereich meiner Meinung
nach langsam der „PC-Effekt“ einsetzt: Jeder hat eins, welches für die aktuellen und mittelfristig
kommenden Aufgaben schnell genug ist und bis auf weiteres keiner Neuanschaffung bedarf. Auch,
wenn das die Hersteller nicht gerne hören.

Nüchtern betrachtet benötigt man über einen längeren Zeitraum kein neues Phone, wenn man auf
die o.g. Punkte beim Kauf geachtet hat. Das gilt allerdings nur, wenn man das Phone als
Gebrauchsgegenstand und nicht als Statussymbol sieht (immer mit dem neuesten Modell
rumrennen, weil nur das hipp ist), aber das ist ein anderes Thema.

Und die anderen Plattformen? Die fallen für mich raus.

iOS? Völlig überzogenes Preis-/Leistungsverhältnis! Mehr als 400 EUR für ein (aus Hardwaresicht)
Mittelklassephone (iPhone 5C) mit Winz-Display, auf dem man nicht vernünftig Zeitung lesen/surfen
kann? Nein danke…

Windows Phone? Grundsätzlich interessant, leider gibt es jedoch für dieses System viele Apps nicht,
die ich nutze. Außerdem gefällt mir der Closed-Source-Ansatz nicht, ebenso wie bei iOS.
Da bleibe ich lieber bei einem aktuellen Cyanogenmod-Android mit Addons wie XPrivacy, um die
Datensammelwut ein wenig einzudämmen.

Bleibt zu hoffen, dass die User „clever einkaufen“ und den Markt in die richtige Richtung lenken.
Anregungen, Kritik, Kommentare, eigene Erfahrungen? Nur zu :)

Gastbeitrag von unserem Leser Ben.


Über den Autor

Torsten Dünnwald

Inhaber. Administrator. Blogger. Android-Freak. Experte & Mädchen für alles.